La La Land – Fröhlich, Traurig, Bunt, Laut und Leise

Ein Musicalfilm, geprägt vom Jazz und den Filmen des Genres aus den 30er Jahren, mit zwei Hauptdarstellern, denen Ihre Rolle auf den Leib geschneidert ist. All das ist La La Land, aber dieser Film ist noch viel mehr. Er ist ein Meisterwerk und ein Meilenstein zugleich. Vielleicht der Aufbruch in eine neue Ära des Filmgenres, eine Rückbesinnung zu den Wurzeln.

La La Land ist aus den Schlagzeilen der Filmwelt im Moment nicht mehr wegzudenken. Anfang des Jahres gewann der Film 7 Golden Globes, Ende Januar wurde er für 14 Oscars nominiert. Darunter „Bester Film“ beide „Beste Schauspieler in einer Hauptrolle“ Kategorien und natürlich beide Musikkategorien, beim besten einzelne Song sind sogar zwei Songs parallel Nominiert. Doch um was geht es eigentlich in diesem Film, der seit Dezember letzten Jahres die Herzen der internationalen Kritiker im Sturm erobert?

Die Handlung
Mia (Emma Stone) und Sebastian (Ryan Gosling) leben in Los Angeles. Beide leben in und für ihre Träume, sie will Schauspielerin werden und jobt in einen Bistro auf einem Studiogelände in Hollywood, er ist Jazz-Pianist, der für sein täglich Brot Weihnachtslieder in einem Restaurant spielen muss. Doch beide sind nicht wirklich Erfolgreich in dem was sie tuen. Mia geht zu jedem Casting was sie kriegen kann, doch Erfolg hat sie nie, Sebastian kann sich nicht an vorgefertigte Setlisten halten und leibt seine Musik, den Jazz, so sehr, dass er schon beinahe Zwanghaft am Klavier irgendwann in Jazzmusik übergeht. So ist es kaum verwunderlich, dass er bald ohne Job dasteht.
Der Film beginnt mit der wohl zutreffendsten Darstellung LAs die es geben kann. Ein Stau auf einem der vielen Highways der Stadt, wie man es wohl jeden Tag in der Millionenmetropole sehen kann.
 Doch schon Sekunden später entwickelt sich eine riesige, in einem Stück gedrehte Tanzchoreographie, die einen wunderbaren und beeindruckenden Start in den Film gibt. Danach entwickelt sich eine Liebesgeschichte zwischen Mia und Sebastian, mit Höhen und Tiefen, Freude und Wut und natürlich viel Musik.
Romanzen, besonders im Musical, sollte man meinen, sind aufgebraucht, langweilig und überproduziert. Doch dieser Film zeigt, dass eine Musicalromanze nicht immer eine überzogene, romantisierte und vor rot nur so triefende Form einer einfachen Romeo und Julia Geschichte sein muss. Handlung und Ideen sind frisch und folgen nicht der immer gleichen Abfolgen wie sie sonst in Filmen des Romantikgenre zu finden ist.
 Die Handlung hat so gut wie keine Längen, es wird nicht langweilig und wenn der Film dann doch mal vor der Grenze zur Länge und Langeweile steht, kommt eine unerwartete Wendung oder eine Musicalnummer, die wieder alles verändert.

La La Land, das Musical und die Musik
Wo wir die Musicalnummern schon erwähnen, es sind wenige. Aber das tut dem Film keinen Abbruch, denn sie sind exzellent platziert und schöpfen ihre Wirkungsmöglichkeiten komplett aus. Jedes Stück trägt die Story und Charakterentwicklung so weit voran, wie es in dieser kurzen Zeit durch Dialogspiel überhaupt nicht möglich wäre. Choreographie, Darstellung der Schauspieler, Text und die Kameraarbeit harmonieren Perfekt. So ist es kaum verwunderlich, dass der Zuschauer keine Probleme mit dem Übergang in eine „zweiten Welt“ hat, in der Tanz und Musik als komplett normal angesehen werden und Gesang die Aufgabe des Dialoges übernimmt. Filmtheoretisch gesehen beschreibt die „zwei Welten-Theorie“ den Umgang und Wechsel zwischen Musicalnummern und Dialogspiel. Dabei ist das normale Dialogspiel, in dem geredet und gelaufen wird als „Welt Eins“ anzusehen. Musicalszene mit Musik, Gesang und Tanz werden als „zweite Welt“ gesehen. Der Wechsel zwischen diesen beiden Welten ist in diesem Film so flüssig das er einem kaum auffällt. Der Zuschauer kann beide Welten als vollständig „logische“ und für den Film enorm wichtige Aspekte sehen. Eine kleine Ausnahme macht dort vielleicht die Planetatriumsszene, die im Film eine etwas sehr überspitzte Tanzchoreographie mitten in den Sternen zeigt, jedoch für die Story einen gewissen, nicht von der Hand zu weisende Wert hat.
Wenn man über die Muscialstücke des Films spricht, dann muss man sich natürlich auch mit dem Rest der Filmmusik und natürlich ganz wichtig, dem Einsatz von Musik beschäftigen. Und insbesondere letzteres ist in diesem Film brillant.
 Fange wir zuerst mit dem Thema dieses Films an. Das Thema wird auf so vielfältige Art und Weise genutzt, dass man es einfach irgendwann von selbst anfängt zu lieben. Es zieht sich durch so gut wie jeden Song, wächst und fällt mit der Story und gibt dem kompletten Film auch musikalisch ein rotes Band. Das Zusammenspiel von Jazz-Musik und der musicaltypischen Musik funktioniert perfekt. Das Klavier als Hauptinstrument dieses Films ist einfach wunderbar. Jede Note, jede Taste trägt den Film und die Handlung. Und wer bis zu diesem Film kein großer Jazz-Fan war, oder mit diesem Gerne einfach nichts anzufangen weiß, der wird, wenn der Abspann läuft eine neues und interessantes Bild dieser, doch so unglaublich Facettenreichen, Musikart haben.
Legendlich der Gesang ist an manchen stellen ein Manko, doch spätestens beim Solosong von Emma Stone, fängt man an ihre Stimme zu lieben. Auch Ryan Gosling ist vokalisch nicht perfekt, der schauspielerischen Leistung der beiden schmälert das aber überhaupt nicht.

Auch Ruhe kann Wirken
Kommen wir nun zum Umgang mit Musik und der ist, wie oben schon erwähnt, ein Meisterwerk. Die Musik ist so portioniert und gewählt eingesetzt, dass man als Zuschauer schon fast überrascht ist, dass Filme auch ohne eine dauerhafte Hintergrundbeschallung so enorm gut funktionieren können. Das diese Art von Umgang mit Musik sogar ein Film um Längen besser machen kann, dass haben die Macher dieses Films perfektioniert. Der Film spielt förmlich mit der Musik. An einigen Stellen wird komplett auf sie verzichtet, an anderen verschwindet sie mit fortstreichen der Szene und unterstützt so die visuelle Darstellung enorm. Und eben diese, dann entstehende Ruhe, ist einzigartig. Ich habe noch nie einen so ruhigen Kinosaal erlebt wie in diesem Film. Kein Popcorngeraschel, kein Geflüster, ein einzigartiges Erlebnis. In machen Szenen merkt man gar nicht, dass die Musik im Hintergrund plötzlich verstummt, was wohl an der Szene und dem Spiel der beiden Hauptdarsteller liegt, das einen so fesselt, dass man das Nichtvorhandensein der Musik erst dann bemerkt, wenn die beiden Schauspieler für einen Moment nichts sagen. Und dann ist da plötzlich diese Stille, die Stille, die einen nur noch dasitzen lässt und die Augen auf die Leinwand bannt. Man muss natürlich auch sagen, dass der Film versucht das Vorhandensein der Musik auch visuell zu erklären. So spielt zum Beispiel eine Band im Hintergrund oder ein Plattenspieler läuft. So erklärt sich eben auch das Nichtvorhandensein von Musik in manchen Szenen und das benötigt Mut. Mut den man in diesem Film bewiesen hat, den Mut Musik so einzusetzen, wie sie zu Anfängen der Filmmusik genutzt wurde. Portioniert, zugeschnitten und sehr überlegt.

Die Macht der Kamerabewegung
Aber ein Film besteht natürlich nicht nur aus Musik. Nein, das visuelle ist natürlich ein Schlüsselfaktor eines jeden filmischen Werkes. Und auch das ist in diesem Film richtig gut.
Die Möglichkeiten der modernen Kameratechnik werden voll ausgeschöpft.
Die Kamera ist fast ausschließlich in Bewegung, nur in Gesprächsszenen ändert sich das. Es gibt eine Menge Ontakes, wie es auch in den Vorbildern für diesem Film oft der Fall war. Und diese Plansequenzen sind super geplant und umgesetzt. Die Kamera wird Teil der Handlung, durch wenige Schnitte fühlt man sich sehr nah an eben dieser. Einziges Manko ist manchmal die Schärfe, durch das körnige Bild der eingesetzten Kamera wirkt das Bild dann leider teilweise unschärfer als es wohl ist. Der Style dieser Kamera, etwas Körnig, bei Schwenks zieht das Bild etwas nach, macht dem Film aber kein Abbruch. Es sieht toll aus und erinnert an die alten Zeiten des Fernsehens.
Auch die Lichsetzung in diesem Film ist beeindruckend. So wird beispielsweise mit Schatten und Spots gearbeitet, wie ich es vorher noch nie gesehen habe. Einzelne Schauspieler werden nur durch das wegnehmen und hinzufügen von Licht von der Umgebung isoliert. So wird nicht nur durch die Handlungsebene ein Fokus auf die handelnde Person gegeben, sondern auch durch die Kamera und die Lichsetzung.
Dieses Spielen mit Licht, aber auch das Arbeiten mit Farben, was sich auch im Produktionsdesign zeigt, ist super, es funktioniert einwandfrei und macht den Film auch auf visueller Ebene zu etwas ganz Besonderem.

Emma Stone in ihrer wohl besten Rolle
Neben all den akustischen und visuellen Darstellungen dieses Films muss natürlich auch über die Schauspieler und ihre Leistung geredet werden.
Und auch die ist super. Ryan Gosling spielt seine Rolle echt gut, man nimmt ihm die Rolle komplett ab. Aber mehr ist über ihn auch nicht zu sagen, was nicht bedeutet dass die Leistung nicht toll war. Sie war super und seine Nominierungen sind allesamt gerechtfertigt. Aber im Vergleich zu Emma Stone ist seine wirklich gute Leistung fast schon mittelmäßig, Emma Stone stellt ihn um Längen in den Schatten. Es ist wohl ihre beste Rolle. Ihr kauft man ihrer Rolle ohne Probleme ab, insbesondere in ihren Castingszenen sieht man wie viel Können in dieser Frau steckt. Spätestens bei ihrer Sologesangsszene, bei der zum ersten Mal ihre Stimme schon beinah beeindruckt, merkt man wie sie Schauspieler kann. Es ist einfach genau ihrer Rolle und mich würde es nicht überraschen, wenn sie Ende Februar den Oscar als beste Schauspielerin in der Hand halten würde.
Neben den Schauspielern haben auch die Drehbuchautoren ganze Arbeit geleistet. Die Story ist frisch, obwohl die Grundidee schon sehr oft genutzt wurde. Die Story überrascht immer wieder. Bis zum Ende kann man nicht erraten wie dieser Film enden wird. Die Songtexte passen perfekt, die Dialoge sind gut, die komplette Geschichte ist einfach von vorne bis hinten rund.
Alles in allem ist dieser Film wirklich sehr gut. Er besticht auf allen Ebenen und ist endlich mal ein qualitativer Ausgleich zu den Animationsmusicals von Disney, die in den letzten Jahren das Genre und das nicht negativ, geprägt haben.

 

Wertung:

Handlung und Dramaturgie: 10/10

Schauspieler: 10/10

Produktionsdesign: 10/10

Kamera: 10/10

Ton: 10/10

Schnitt: 9/10

 

Sonderkategorien:


Musik: 10/10

Songs: 10/10

Tanz und Choreografie: 10/10

 

Genrewertung: 100%

 

Filmwertung: 98%

 

 

Und wer soll nun den Film gucken?
Dieser Film ist etwas für Musicalliebhaber und Jazzfans. Natürlich. Aber er kann noch viel mehr Menschen erreichen. Er ist etwas für Menschen die romantische Filme mögen, aber auch Dramen gegenüber nicht abgeneigt sind. Der Film kann vom Teenager bis zum Rentner jeden erreichen. Für Cineasten und Filmliebhaber ist der Film natürlich auch ein Muss. Wer Kameraarbeit, Sounddesign, Produktionsdesign und Lichtsetzung liebt, der wird sich an diesem Film kaum sattsehen können.
Der Film hat alle seine Nominierungen und Auszeichnungen verdient, dass steht außer Frage. Aber er erreicht eben auch den normalen Kinogänger und nicht nur die klassischen Musicalfans und das ist wohl die wichtigste Errungenschaft dieses Films.
Ein Film, der beim Start des Abspanns einen immer noch in den Sitz fesselt. Ja, an dessen Ende man vielleicht sogar das Bedürfnis hat, zu klatschen, weil dieser Film so viel Freude bereitet hat und man mit einem riesen Grinsen aus dem Kino geht.

Bildquelle:
Lionsgate / Sebastian (Ryan Gosling) and Mia (Emma Stone) in LA LA LAND. Photo credit: Dale Robinette

Tobias Schomaker

Pädagogischer Leiter und Mitglied der zweite "diefeder.net" Generation. Studiert irgendwas mit Medien, liebt YouTube, Filme und Serien. Sonst beschäftigt als Grafiker, Webdesigner, Kameramann und Cutter.

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