Denkmuster und ihre Auswirkungen

Die Psychologie beschäftigt sich mit der Denkweise des Menschen in den unterschiedlichsten Situationen, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu erschließen. Dies ist am besten anhand dieser Beispiele einzuleiten:

„Ein Mann sitzt am Frühstückstisch in seiner großen Blockhütte im Wald, in der er alleine lebt. Aus dem Keller ist Lärm zu hören, aber er ignoriert es und blättert durch die Tageszeitung. Er grinst, als er die fett gedruckten Worte Zehnjähriges Mädchen im Wald verschwunden, Entführung vermutet entdeckt. Ein erneutes Geheule unterbricht seine Gedanken. ‚Ruhe da unten, ich lass dich nicht raus‘, ruft er genervt. Ihm vergeht der Appetit, also stellt er den Rest des Essens in den Kühlschrank, direkt über die Einkäufe des letzten Tages: ein Kartoffelsalat, Familienpackung. Danach geht er nach draußen, um frische Luft zu schnappen, auf der Türschwelle bleibt er jedoch stehen. Er hat vergessen, Briefe zu schreiben, um Geld zu verlangen. Das muss nachgeholt werden.“

Denken Sie sich in die Rolle eines Polizisten, der mit den Informationen aus dem Text schnell entscheiden muss, was die Situation ist. Was sagen Sie?


Die Antwort lautet: Der Mann plant eine Feier, und hat dafür den Kartoffelsalat besorgt. Die Briefe schickt er, um einen Beitrag der Gäste für die Mittel zu fordern. Der Lärm kommt von einem Showtier, welches er dort unten bereithält, und er grinst über die Aussage der Zeitung, weil er das Mädchen getroffen hat, und weiß, dass sie sich nur vor ihren grausamen Eltern versteckt.
Kein Wort in der Geschichte schließt diesen Fall aus, und dennoch wertet ein Großteil der Befragten die Informationen, die nicht vorliegen so aus, dass sie auf eine Entführung des Mädchens durch den Mann schließen lassen, oder sie vermuten in der Frage eine Falle und trauen sich nicht, jemanden zu verurteilen. Wir machen es uns kompliziert, weil wir aus der Geschichte ein Verbrechen lesen wollen, jedoch ist dieser Mann einfach nur desinteressiert an den Gefühlen anderer.

Das Ergebnis, wenn wir es noch einmal versuchen, ist denkbar:

Ich schaue aus dem Fenster meiner frisch gekauften Mietwohnung auf die Straße. An dem Blumenladen, dem Museum und dem Restaurant, die ich jetzt sehe, wird nachher die Kanzlerin in ihrem Ruhmeszug vorbeikommen. Mit einem vorfreudigen Lächeln drehe ich mich um, wobei mein Blick direkt auf die Glasvitrine fällt, die ich so mühsam gefüllt habe. Es ist das einzige Stück, welches ich der Freude wegen aus dem Lieferwagen geräumt habe. Ich plane, bald wieder zu verschwinden. Leblose Gesichter starren zurück. Aber ein wertvolles Stück fehlt noch! Ich überprüfe, ob alles bereit ist, und überprüfe das Jagdgewehr sicher zwanzig Mal, bevor ich nach langem Warten endlich den freudigen Lärm in der Ferne höre. Ich stelle mich mit der Waffe vorsichtig an mein Fenster. Der Augenblick ist gekommen. Ich ziele in das Licht.“

Geben Sie ihre Einschätzung zu dem Fall ab.


Ich bin in dieser Geschichte ein Verbrecher, der Geld durch den Verkauf einer Vitrine voller antiker Tonköpfe machen will, und einen Räuber angeheuert hat, um den letzten fehlenden aus dem anliegenden Museum zu stehlen, während alle vom Kanzlerbesuch abgelenkt sind. Ich selbst plane, den Nachtwächter zu erschießen, um den Weg freizumachen. In der Dunkelheit ziele ich auf seine Taschenlampe.
Wenn man zwei Aufgaben derselben Art gestellt bekommt, versucht man automatisch, die zweite wie die erste zu lösen. Alle Befragten wollen wieder eine unschuldige Person in „Ich“ sehen, aber dieses Mal ist das Verbrechen einfach nur ein anderes.

Daraus lässt sich viel über die Verhaltensmuster schließen, die unser Gehirn entwickelt. Für jede Aufgabe sucht es sich zuerst eine Vorlage, in die es das Problem drücken will. Wenn das nicht klappt, muss diese Vorlage erweitert oder ersetzt werden. Das erste Rätsel hat hier auf die Vorlage, ein Verbrechen zu erahnen, zurückgegriffen. Durch die Auflösung wurde eine neue Vorlage entwickelt, die man dann für die zweite Aufgabe benutzen wollte, aber man hätte wieder eine andere gebraucht. Sind wir also so leicht auszutricksen, indem man uns einfach auf die falsche Vorlage zurückgreifen lässt?

An dieser Stelle gehen Forscher von einer einfachen These aus: Es gibt zwei Arten, reingelegt zu werden – Zu glauben, was nicht wahr ist, und nicht zu glauben, was wahr ist.
Im ersten Fall haben wir geglaubt, was nicht wahr ist, nämlich dass der Mann ein Verbrecher sei. Im zweiten Fall haben wir nicht geglaubt, was wahr ist, nämlich, dass das „Ich“ ein Verbrecher sei. Die zweiten Teile dieser beiden Sätze sind nicht ohne Grund identisch. Wenn man auf eine der beiden Varianten hereinfällt, fühlt man sich sicher, nicht noch einmal in die Falle zu tappen, doch tatsächlich ist der Verstand gerade dann am gefährdetsten, auf die andere Variante zu stoßen.

Es gibt Videospiele mit Antagonisten, welche die obskursesten Strategien genau vorhersagen. Wir halten das für überspielt und nur in solchen Geschichten möglich, aber tatsächlich ist das Genannte der Schlüssel zur Berechnung von Reaktionen aller Art.
Die Folgerung: Unser Hirn kann ausschließlich in Mustern arbeiten. Wenn es von diesen Mustern abweicht, fällt es nur in ein anderes oder ein neues. Diese Muster kann man erahnen und so die Reaktion beeinflussen. Wenn die Befragten Polizisten wären und die Informationen von Fall 1 zugespielt bekämen, würde ein Teil nach diesem unschuldigen Mann fahnden und der andere zu unsicher sein, einzugreifen. Der eigentliche Kriminelle, der das Mädchen umgebracht hat, nachdem es sich vom Mann verabschiedet hat, lenkt den Verdacht damit von sich ab und gewinnt Zeit, um zu fliehen. Mit heutigen Methoden würde das vermutlich fehlschlagen, außerdem werden die verantwortlichen Inspektoren auf dieses Spiel ausgebildet, und doch – es ist ein gutes Beispiel für den Schaden, den solche Muster anrichten können.

Es ist unmöglich, neutral an einen Fall heranzugehen, da diesen Mustern Informationen hinzugefügt werden, die eigentlich nicht vorliegen, was genauso Segen wie Fluch sein kann. Jeder hat seine eigenen Denkmuster, und eine Person wird durch ihre Muster zwingend voreingenommen, bis sie sie ablegt und nur die Informationen nimmt, die Tatsachen sind. Sie können es einmal versuchen und werden merken, wie schwer es ist, keine Muster zu nutzen, wobei das selbst ein neues Muster bildet.
Die bessere Lösung ist demnach, eine Aufgabe durch mehrere Muster zu ziehen und dann alle Ergebnisse in Betracht zu ziehen, um nicht zu einem leichten Ziel von derartigen Tricks zu werden. Gleichzeitig ist es hierbei wichtig, nicht nur aus Intuition eine Falle zu vermuten, sondern sie anhand der Informationen zu erkennen. Das ist umfassend die Aufgabe der Kriminalpsychologie, die Anwendung und teilweise Ausnutzung von allen anwendbaren Denkmustern auf einen realen Fall.

Die hier verwendeten Fälle sind Beispiele für Aufgaben mit wenigen Informationen. Es ist nicht der Sinn, dass jedes Detail erschlossen wird, sie dienen einzig zur Veranschaulichung der Denkmuster. Es gibt Fälle mit einer solchen Anzahl an Informationen, auch wenn für diese Beispiele in der Realität mehr Nachforschungen möglich wäre.

Versuchen Sie es zum Abschluss also noch einmal:

Ich habe sie mit einem Schläger im Arm durch die Straße zu dem großen Bauwerk gehen sehen, in dem noch wenige Leute waren. Sie war schwarz gekleidet, ihr Gesicht war von einer Sonnenbrille und einem Halstuch verdeckt. Niemandem hat sie geantwortet, der ihr zugerufen hat. Die Polizei kam wenig später, als ihnen etwas gemeldet wurde, aber sie war schon weg. Selbstverständlich haben wir sie seitdem nicht mehr in dieser Stadt gesehen.“

Was ist Ihre Meinung dazu?


Sie verhüllt ihr Gesicht, aber läuft auffällig durch die Straße, will also nicht erkannt werden. Sie ist nach ihrem Besuch in dem Gebäude verschwunden und die Polizei musste wegen etwas eingreifen. In der Tat handelt es sich bei der Frau um den Fan einer Baseballmannschaft, die heute Auswärtsspiel in besagtem großem Gebäude, einem Stadion, hat, wozu sie in der Farbe der Trickots ihrer Favoriten in eine andere Stadt gefahren ist, daher die schwarze Kleidung. Den Schläger hat sie als Symbol ihrer Treue zum Sport, ihr Gesicht ist verdeckt, weil sie weiß, dass es zu Spannungen zwischen den Fanseiten kommt, bei denen die Polizei einschreiten musste. Ob sie beteiligt war ist hier unklar, der Zeuge wählt bewusst das Wort „eingesteckt“ und meint damit Schläge der Fans der Heimmannschaft, nicht etwa Wertsachen.

 

Justin Löwe

Ich bin seit inzwischen sieben Jahren als Jugendreporter unterwegs, stand schon mehrmals in der NOZ und möchte hier den Leuten mit hochwertigen Berichten die Interessen der jüngeren Generation näherbringen

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